Graal-Müritz – zwischen Meer & Moor

Früher einmal waren es fünf kleine Fischerdörfer – Graal, Müritz, Müritzhof, Klein Müritz und Neuhaus – die sich der See, dem Wald und dem Überleben am Rand des großen Moores verschrieben hatten. Ihre Bewohner lebten bescheiden, aber in enger Verbundenheit mit der Natur, die ihnen rau, aber verlässlich die Grundlagen zum Leben bot. Über Jahrhunderte hinweg war der Rhythmus der Jahreszeiten der wahre Taktgeber: das Netzeflicken im Frühjahr, das Schilfdecken der Dächer, das Einholen des Torfs aus dem Moor. Und wenn im Herbst die Zugvögel über das Ribnitzer Großes Moor zogen, dann wurde ihnen mit Staunen nachgesehen – jedes Jahr aufs Neue.

Im 19. Jahrhundert begann sich der Ort zu wandeln. Der Gedanke der „Sommerfrische“ kam auf, und mit ihm entdeckten Stadtmenschen die heilende Kraft der Ostseeluft, des Meeres und der Waldlandschaft. Der Name Graal-Müritz wurde zur Marke für Gesundheit und Erholung. Der Bau der Bahnstrecke in den 1920er Jahren, die das Seebad mit Rostock verband, machte es auch für weniger wohlhabende Bürger erreichbar – ein Ort der Sehnsucht wurde geboren, nicht elitär, sondern einladend.

Heute noch erzählt vieles von dieser sanften Verwandlung. Die klassizistischen Villen, liebevoll restauriert, säumen die Straßen mit ihren geschnitzten Veranden und blühenden Vorgärten. Die berühmte Seebrücke ragt wie ein Fingerzeig in die Ostsee hinein – ein Ort für Abschiede, Träume und den ersten Kuss. Der Rhododendronpark, angelegt in den 1950er Jahren, verströmt jedes Frühjahr ein beinahe märchenhaftes Blühen. Und das Moor, einst gefürchtet und gemieden, ist heute ein stiller, heilender Ort, wo man auf Bohlenwegen wandeln und die Stille hören kann.

Was Graal-Müritz heute ausstrahlt, ist mehr als touristisches Flair. Es ist eine tiefe Ruhe, fast eine Demut, vor der Kraft der Natur und dem Lauf der Dinge. Man spürt, dass hier Generationen gelebt, gelitten und geliebt haben – und dass diese Geschichten weiterwirken, in den alten Gärten, den kleinen Läden, im Lächeln der Menschen. Es ist ein Ort, der das Herz nicht laut erobert, sondern leise berührt.

Die See ist immer da. Manchmal wild, manchmal spiegelglatt. Sie erzählt nicht viel, aber sie hört zu. Und wenn man an einem frühen Morgen durch den Küstenwald streift oder am Abend die Möwen über der Brücke kreisen sieht, dann weiß man: Es ist gut, dass es diesen Ort gibt.

Graal-Müritz ist kein Ort, den man besucht – es ist einer, den man mitnimmt. Und einer, der bleibt.

Ein kleiner Geheimtipp – das Café Witt im Wintergartenhaus

Wer durch Graal-Müritz spaziert, dem fällt vielleicht nicht sofort das unscheinbare kleine Haus in der Nähe der Seebrücke auf – ein ehemaliges Wintergartenhäuschen mit viel Charme, ein bisschen versteckt in zweiter Reihe. Hier liegt das Café Witt, ein echter Geheimtipp für alle, die das Besondere lieben: Es gibt hausgebackene Torten, die schmecken wie von der Lieblingsoma – mit saisonalen Früchten und einer Prise Ostsee-Melancholie –, dazu Kaffee aus einer altmodischen Porzellankanne.

Am liebsten sitzt man hier im Garten oder auf der überdachten Terrasse, wo Efeu die Wände umrankt und der Wind leise durch die Bäume rauscht. Die Besitzerin, eine gebürtige Rostockerin, hat das Haus ihrer Großeltern liebevoll restauriert. Wer mag, kommt ins Gespräch, bekommt vielleicht eine Anekdote aus den fünfziger Jahren erzählt – oder den Tipp für den schönsten Strandabschnitt, nur fünf Minuten entfernt, wo morgens kaum ein Mensch ist und man den Sonnenaufgang mit den Möwen allein teilen kann.

Es ist kein Ort für Schnelligkeit oder WLAN – sondern einer für kleine Fluchten, warme Begegnungen und das Gefühl, angekommen zu sein. Genau das macht Graal-Müritz aus.

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